Stuttgart, Januar 2002. Wo er auftritt, sind die Konzertsäle voll. Wenn er zu spielen beginnt, brechen seine Fans in Jubel aus: André Rieu ist zum neuen Kultstar der klassischen Musik geworden. Dabei wäre der Holländer aus Maastricht beinahe gar nicht Künstler geworden, wie er jetzt im Interview mit dem Magazin Reader's Digest (Februarausgabe) zugibt - aus Verzweiflung über seinen Geigenlehrer: "Eines Tages dachte ich plötzlich: Ich schmeiße alles hin, werfe meine Geige in den Fluss und mache mit meiner Frau eine Pizzeria auf." Am Ende blieb die Strenge des Lehrers dann aber doch ohne Folgen.

Eine Entscheidung, die der Walzerkönig der Gegenwart, Jahrgang 1949, bis heute nicht bereut hat. Weltweit hat er bislang 15 Millionen CDs verkauft, und aus seinen Konzerten macht er "ein Fest", wie Rieu seine Auftritte selbst umschreibt. Der Grund: Er will nicht nur schön spielen ("Dann könnten die Konzertbesucher zu Hause bleiben und sich eine CD auflegen"), er will ihnen etwas Besonderes bieten - "nämlich Seelenwärme". Also präsentiert er dem zahlenden Publikum nicht virtuose Geigensoli, sondern weiche, gefühlvolle Melodien. "Es gibt viele Geiger, die besser spielen als ich", räumt Rieu in dem Gespräch mit Reader's Digest ein, "aber ich bin nicht nur eine Musikmaschine, sondern zeige den Leuten, dass ich ein Mensch mit Gefühlen bin."

Dabei hätte sein Vater es gerne anders gehabt. Als Dirigent des Limburgischen Symphonie Orchesters in Maastricht wollte Rieu senior, dass Rieu junior eher eine klassische, festgelegte Rolle in dem Orchester übernimmt. "Ich habe nur ein Jahr unter ihm gespielt. Es war keine schöne Zeit", erinnert sich André Rieu noch heute nur ungern daran. Stattdessen gründete er ein Salon-Orchester und spielte Operettenmelodien. Zuvor hatte es immer wieder - wie zu Hause im Kreis der fünf Geschwister - Spannungen zwischen Vater und Sohn gegeben. "Er ließ sich nie auf Diskussionen ein", sagt André Rieu heute. Aber er wollte improvisieren, eigene Ideen einbringen. "Dazu fehlte meinem Vater der Mut", bedauert der Sohn im Rückblick und erinnert sich an Momente, wenn er etwa Bauarbeitern bei der Arbeit zuschaute: "Schon beim Zugucken lernte ich etwas. Dann ging ich nach Hause und brachte zum Beispiel an unserem Zaun entlang Kaninchengitter an." Diese Art zu tüfteln, Unbekanntes auszuprobieren hat sich André Rieu bis heute erhalten: "Das Wichtigste ist für mich, frei zu sein. Wenn man mir meine Freiheit nähme, wollte ich nicht mehr weitermachen."

Und der Erfolg gibt ihm recht. Während Rieu nach eigener Aussage in der Kindheit oft noch verspottet wurde nach dem Motto "Aus dir wird nie etwas", begann die steile Karriere nach dem Studium an den Konservatorien in Brüssel, Maastricht und Lüttich. 1987 gründete er das Johann Strauß Orchester, das ihn fortan auf Tourneen begleitete. Den ersten großen Titel feierte er 1994 in den Niederlanden mit dem "Second Waltz" (Walzer Nr. 2 aus der Jazz Suite Nr. 2), der internationale Durchbruch folgte dann 1995 mit dem Album "Strauß & Co." Spätestens seitdem ist André Rieu, der mit seiner Frau Marjorie seit über 25 Jahren verheiratet ist und zwei Söhne hat, zum Stargeiger avanciert.

Er tritt in Konzertsälen genauso auf wie in Rehabilitationszentren. "Ich habe Patienten erlebt, die bereits seit 25 Jahren ohne sichtbare Regungen vor sich hin vegetierten, bei denen keine Therapie mehr anschlug. Dann spielten mein Orchester und ich, und auf einmal zeigten diese Menschen wieder eine Reaktion." André Rieu, ein Musiker mit übermenschlichen Kräften? "Vielleicht ist es ein Klischee, aber ich glaube wirklich, dass Musik die Sprache ist, die tiefste Gefühle berührt." Und seine Fangemeinde wächst weiter. "Klassische Musik ist für jeden da. Wenn meine Konzerte dafür sorgen, dass mein Postbote den 'Second Waltz' von Schostakowitsch pfeift, dann ist das für mich sehr befriedigend."

Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die Februarausgabe von Reader's Digest ist ab 28. Januar 2002 an zentralen Kiosken erhältlich.

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