Stuttgart, 21. Juli 2003. Der Dalai-Lama bewundert nach eigenen Bekunden
den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt. In einem
Exklusivinterview mit Reader's Digest sagte der geistliche und politische
Führer Tibets auf die Frage, welche Persönlichkeiten er besonders schätze:
"Ich hege große Bewunderung für Willy Brandt." Obwohl die Lage zur Zeit
des Kalten Kriegs in Europa ausgesprochen schwierig gewesen sei, "konnte
Brandt das Vertrauen der sowjetischen Führung wenigstens teilweise
gewinnen, ohne dabei im Wesentlichen die Rechte seines Landes aufs Spiel
zu setzen." Das sei der richtige Weg, so der Dalai-Lama: "Um die eigenen
Rechte und Werte kämpfen und doch ein gutes Verhältnis bewahren."

Der Dalai-Lama ist nicht nur der Hoffnungsträger für ein freies Tibet, sondern
er ist auch weltweit eine angesehene Symbolfigur für das Miteinander der
Religionen. In seinem Interview mit dem Magazin Reader's Digest (August-
Ausgabe) gewährt er jetzt ungewöhnliche Einblicke in sein Leben. Eine
zentrale Aussage: "Ich werde meinen Einsatz für menschliche Werte,
Harmonie zwischen den Religionen und den Schutz der Umwelt fortführen bis
zu meinem Tod."

 

Über Religion und Fundamentalismus
Im Interview äußert sich der Dalai-Lama auch zum Fundamentalismus von
Religionen: "Das Hauptproblem der Fundamentalisten liegt meines Erachtens
darin, dass sie zumeist unter sich bleiben. Viele tibetische Buddhisten, auch
ich, waren, solange wir in Tibet lebten, fest davon überzeugt, der
Buddhismus sei das einzig Richtige. Aber der Austausch mit anderen
Menschen hat mich gelehrt, dass man andere Religionen respektieren muss.
Der Versuch, die Menschen in ihrem Glauben zu bekehren, schafft viele
Probleme." Seine ausdrückliche Empfehlung: "Mehr Kontakt mit anderen
Traditionen hilft, extreme fundamentalistische Haltungen zu relativieren."
Unter den religiösen Führern sieht der Dalai-Lama durchaus eine
ökumenische Tendenz: "Ihre Mehrheit respektiert den Pluralismus."

 

Über China
Neben Willy Brandt bekundet der Dalai-Lama auch Respekt für den
chinesischen Politiker Mao Tse-tung: "Zweifellos war er ein bedeutender
Revolutionär." Im Verhältnis zwischen Tibet und den chinesischen Besatzern,
die 1950 in sein Heimatland einmarschierten, bemerkt er Zeichen einer
gewissen Annäherung. "Ein Teil der Chinesen, auch einige politische Führer,
spüren, dass die Macht des zentralistischen Regimes schwinden wird. Die
derzeitige Lage in Tibet bedeutet für China ein Sicherheitsrisiko." Dass junge
Tibeter im Kampf um ihre Freiheit womöglich Gewalt gegen die Besatzer
anwenden könnten, mag der Dalai-Lama nicht ausschließen: "Diese Gefahr
besteht." Er selbst hält dies aber für den falschen Weg und setzt auf einen
langsamen Wandel: "Das wäre mir lieber. Denn kommt der Wechsel zu
plötzlich, besteht die Gefahr, dass das Land ins Chaos stürzt. Daran kann
niemandem gelegen sein."


Über Erziehung
Gefragt nach Ratschlägen für Eltern und Erziehung, bezeichnete der Dalai-
Lama Mitgefühl und Zuneigung als das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern
mit auf den Weg geben können. "Vor allem sollten Eltern ihren Kindern ihre
Liebe schenken." Dabei seien die Taten entscheidend, nicht die Worte. In
vielen Familien "reden die Eltern ständig übers Geld, ihren Arbeitsalltag - eine
triste Atmosphäre." Wenn ein Kind all dies Tag für Tag bewusst mit erlebe,
könne dies nicht gut sein. "Da die Kinder heute viel Zeit in Kindergarten und
Schule verbringen, sollten ihnen auch die Lehrer von Anfang an Zuneigung
entgegenbringen, anstatt sie nur zu unterrichten."

 

Über sich selbst
Privat gibt sich der Friedensnobelpreisträger von 1989 durchaus weltlich.
"Mürrisch" sei er, wenn er vor lauter Arbeit keine Zeit zur Meditation hat oder
auf Leute trifft, "die es nicht ernst meinen." In den meisten Fällen isst er
vegetarisch, akzeptiert aber auch Fleisch, wenn er auf Reisen ist.
Entspannung findet er beim Fernsehen, am liebsten schaut er
Naturdokumentationen an. Und dann und wann schießt er schon mal mit seinem Luftgewehr auf Habichte - "um sie zu verjagen" -, während er selbst
andere Vögel füttert. Sich selbst beschreibt der Dalai-Lama als ungeduldig:
"Mir reißt ziemlich schnell der Geduldsfaden. Das habe ich von meinem Vater
geerbt."

 

Für weitere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir
Ihnen gerne zur Verfügung. Die August-Ausgabe von Reader's Digest
Deutschland ist ab 28. Juli 2003 an zentralen Kiosken erhältlich.

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