Stuttgart, im August 2002. Der "ideale" deutsche Bundeskanzler ist männlich, jünger als 50 Jahre, stammt aus einfachen Verhältnissen, hat studiert, ist
Mitglied einer Partei und sollte einen anderen Beruf ausgeübt haben, bevor
er Politiker wurde. Den meisten Bundesbürgern ist es auch egal, ob der
Kanzler aus Ost- oder West-Deutschland kommt (siehe Grafik). Das hat eine
repräsentative Umfrage im Auftrag von Reader's Digest ergeben. In seiner
September-Ausgabe veröffentlicht das Magazin die Ergebnisse der Emnid-
Studie. Laut dieser Umfrage würden 73 Prozent der Deutschen den Kanzler
am liebsten selbst, also direkt wählen. Nur 25 Prozent halten die jetzige
Verfahrensweise für richtig, das Parlament den Kanzler wählen zu lassen. Am
22. September sind Bundestagswahlen.
Jutta Limbach als Regierungschefin bevorzugt
Interessant wird es auch im Konkreten: Wenn die Deutschen selbst
auswählen könnten, würde ein knappes Drittel (31 %) der Befragten die
bisherige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, zur
Kanzlerin machen. Obwohl die frühere Richterin und jetzige Chefin des
Goethe-Instituts mit ihren 68 Jahren deutlich über der Wunsch-Altersgrenze
liegt, scheint Jutta Limbach das zu verkörpern, was sich die Deutschen von
ihrem Regierungschef wünschen: eine Mischung aus Erfahrung, beruflichem
Erfolg und Ausstrahlung. "Ihr Ruf ist untadelig, sie ist keine typische
Politikerin", analysiert Politikwissenschaftler Jürgen Falter von der Universität
Mainz für Reader's Digest die Ergebnisse.
Auf Platz zwei der Kandidaten-Liste haben die Deutschen mit 17 Prozent den
Vorstandsvorsitzenden von DaimlerChrysler, Jürgen Schrempp, gesetzt.
Offenbar sehen viele der Befragten in ihm den Machertyp, der zur Lösung von
Problemen die nötige Durchsetzungskraft und den Weitblick mitbringt. Zwar
ist der bald 58-Jährige auch jenseits der gewünschten Altersgrenze, er
stammt aber aus einfachen Verhältnissen und hat sich nach der Kfz-
Mechanikerlehre den beruflichen Erfolg erarbeitet. Bemerkenswert ist, dass
Limbach am häufigsten von bekennenden Grünen-Wählern (45 %) und
Schrempp von bekennenden PDS-Wählern (33 %) gewünscht wird.
Das Magazin hatte den von Emnid repräsentativ ausgewählten 1000
Befragten eine Liste von Persönlichkeiten aus unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereichen für die Kanzlerfrage zur Auswahl gestellt. Auf
den Plätzen hinter Limbach und Schrempp folgten TV-Moderatorin Sabine
Christiansen mit 13 Prozent sowie IG Metall-Chef Klaus Zwickel (6 %),
Fussball-manager Franz Beckenbauer (6 %) und Emma-Herausgeberin Alice
Schwarzer (4 %).
Ehrlich muss der Kanzler sein, nicht religiös
Reader's Digest wollte außerdem wissen, welche Tugenden die Deutschen
von ihrem Kanzler unbedingt erwarten: Demnach wollen 97 Prozent der
Befragten, dass der Regierungschef "ehrlich" ist. 96 Prozent verlangen, dass
er "gewissenhaft" handelt. Weitere entscheidende Faktoren sind
"entschlusskräftig" und die Fähigkeit, "Politik, klar darstellen zu können" (je
95 %). Nur 56 Prozent erwarten ein "einwandfreies Privatleben" von ihrem
Kanzler. Dass er "religiös" sein muss, ist für nur 30 Prozent wichtig. Und
woran macht sich Ehrlichkeit fest? 78 Prozent der Bundesbürger finden es
"sehr wichtig" und weitere 16 Prozent "wichtig", dass der Kanzler "seine
Wahlversprechen hält". Die "Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse"
wird für "eher unwichtig" (51 %) oder "sehr unwichtig" (18 %) gehalten.
Die wichtigste Aufgabe, die die nächste Bundesregierung schnellstens
anpacken sollte, ist klar vorgegeben. An erster Stelle steht mit 60 Prozent die Schaffung von Arbeitsplätzen. Dahinter fallen alle anderen Aufgaben zurück.
Es folgen ein "gutes Bildungsniveau" (29 %), die Senkung von Steuern und
Abgaben (25 %). Weit abgeschlagen eine "Berufsarmee" (7 %), der
"verstärkte Ausbau des Straßennetzes" (2 %) und die "Freigabe der
Genforschung" (1%).
Aus der Sicht von Professor Jürgen Falter hat die Umfrage klar gezeigt: "Die
Deutschen wollen einen Kanzler, der ein offenes Ohr für ihre Nöte und
Probleme hat. Der Regierungschef soll vital, kreativ und aufgeschlossen für
Neues sein." Das Problem für die Wahl am 22. September: Weder
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) noch sein Herausforderer Edmund
Stoiber (CDU/CSU) oder FDP-Mann Guido Westerwelle passen in das Idealbild des Wunschkanzlers.
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