Stuttgart, 28. April 2009. Nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen starben und der Täter sich schließlich selbst tötete, rätseln Experten nach wie vor über die Hintergründe für eine solche Tat. Aus Sicht des Diplompsychologen Jens Hoffmann, der weltweit rund 30 Amokläufe analysiert hat, gibt es durchaus Anzeichen für solche Ausbrüche. „Eine so schwere Tat ist immer der Endpunkt eines langen Weges, der mit Kränkungen, sozialen Brüchen oder Verlusterfahrungen beginnt. Dazu kommen häufig noch Konflikte in der Schule“, sagte Hoffmann dem Magazin Reader’s Digest (Mai-Ausgabe). Der Psychologe von der Technischen Universität Darmstadt hat eine Software entwickelt, die derzeit an mehreren deutschen Schulen getestet wird und mit der es gelingen soll, mögliche Gewalttäter frühzeitig anhand von 32 typischen Risikofaktoren zu erkennen.

 

„Zeichen einer möglichen Gefährdung sind zum Beispiel ein plötzlich verändertes Aussehen und offene Sympathien gegenüber anderen Amokläufern bei Gesprächen mit Freunden oder Äußerungen in Internetforen“, so Hoffmann. Oft seien dann vergleichsweise „kleine Dinge der letzte Tatauslöser“ – zum Beispiel Liebeskummer.

 

Aus Sicht des renommierten Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer erhöht der exzessive Konsum von Spielen oder Filmen, in denen Gewalt im Mittelpunkt steht, das Risiko, dass Menschen zu solchen Bluttaten – wie in Baden-Württemberg am 11. März geschehen – in der Lage sind. „Wer etwas einübt, kann es nicht nur besser, sondern tut es auch eher“, sagte Spitzer gegenüber Reader’s Digest. Immer größere Teile der Gesellschaft seien damit beschäftigt, virtuelle Gewalt zu trainieren, womit die Gefahr von realer Gewalt wachse.

 

Besorgten Eltern rät Spitzer deshalb: „Am besten werfen Sie Fernsehgerät und Computer aus der Wohnung, wenn Sie Kinder haben.“ Anderen Experten geht diese Position zu weit. „Nicht Spiele oder Action-Videos sind unser Hauptproblem, sondern die fehlenden gesellschaftlichen Werte“, glaubt der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz.

 

Der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis rät Eltern, ihren Kindern zuzuhören, mit ihnen das Gespräch zu suchen, ihnen Werte vorzuleben und deutliche Grenzen zu setzen. „Zeigen Sie, dass man Konflikten eine gute Wendung geben kann. Erlauben Sie Ihrem Kind, eigene Lösungsansätze zu finden, und helfen Sie, konstruktive Wege zur Konfliktbewältigung zu gehen.“ Es sei wichtig, so Fthenakis, das Kind so zu akzeptieren, wie es ist, und seine Stärken zu fördern: „Die Verbesserung des Selbstwertgefühls ist der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme.“

 

Eine Verschärfung des Waffenrechts halten die meisten Experten für genauso wenig praktikabel wie ein Verbot von Gewaltvideos oder gewaltverherrlichenden Spielen in Deutschland, so wie es die Bundesregierung anstrebt. Der Grund für die Skepsis: Im weltweiten Internet sind nationale Gesetze nichts wert, und eine Kontrolle ist praktisch unmöglich.

 

Für weitere Informationen zu diesem Reader’s Digest-Thema stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die Mai-Ausgabe von Reader’s Digest Deutschland ist ab sofort an zentralen Kiosken erhältlich.

 

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