Stuttgart, im August 2002. Er gilt als der Retter von New York, und doch will
Rudolph W. Giuliani nicht der gefeierte Übervater sein, wenn es um die
Bewältigung der Terroranschläge vom 11. September 2001 geht. "Es fällt mir
ausgesprochen schwer, mich selbst als Held zu sehen", sagt er in einem
Exclusiv-Interview mit dem Magazin Reader's Digest (September-Ausgabe)
über seine Gefühlslage. Auch ein Jahr nach den Angriffen auf das World Trade
Center wird der damalige Bürgermeister von New York für seine Ruhe und
Tatkraft in jenen Stunden nahezu verehrt: "Es fällt mir schwer, dies zu
akzeptieren. Wenn mir mitunter die Leute zuwinken und rufen: ‚Rudy, du bist Klasse!' frage ich mich - warum?"
Die Bilder von Bürgermeister Giuliani gingen um die Welt. Wie er mit den
Einsatzkräften durch die Trümmer der Zwillingstürme lief, wie er - mit völlig
verstaubter Brille - ruhig auf die Überlebenden einredete, wie er im
Fernsehen die Bürger der Stadt zur Besonnenheit aufrief. Er habe schon
früher regelmäßig abends vor dem Schlafengehen gebetet, "aber am 11.
September und danach betete ich oft mitten am Tag und bat Gott, mir den
richtigen Weg zu zeigen", sagt Giuliani und verrät zugleich, dass er große
Angst gehabt habe: "Ich fürchtete, man könnte uns erneut angreifen. Immer
wieder fragte ich den Polizeichef, wie es mit der Freiheitsstatue, der Börse,
dem Empire State Building aussah." Oft habe er in jenen Momenten an
Winston Churchill denken müssen nach dem Motto: Wenn Großbritannien im
Zweiten Weltkrieg monatelangen Bombenangriffen getrotzt hatte, werde
New York einen oder zwei Tage wie diesen überleben. "Das gab mir
Zuversicht", so Giuliani.
Aber auch persönlich erlebte der 1944 in Brooklyn geborene 107.
Bürgermeister von New York an jenem Tag viele Stunden zwischen Hoffen
und Bangen. "Nach dem Einsturz des ersten Turmes riefen unzählige
Reporter in meinem Pressebüro an, die glaubten, der Bürgermeister wäre
tot." Der Grund für die Aufregung: Giuliani war in ein Haus gegangen, das
wenig später vom einstürzenden World Trade Center zerstört wurde. Zu
jenem Zeitpunkt hatte der Bürgermeister das Gebäude aber bereits wieder
verlassen. So wurde Giuliani, der die Stadt von 1994 bis 2001 führte und
dabei rigoros die Arbeitslosigkeit und Kriminalität erfolgreich bekämpfte,
plötzlich für 20 Minuten vermisst. "Als ich später ans Mikrofon trat und sagte:
‚Ich bin hier, und ich bin o.k., die Stadt ist hier, und sie ist o.k.', war es nicht
leicht für mich, gleichzeitig ehrlich zu sein und Hoffnung zu vermitteln." Erst
als die Feuerwehrleute später über den Ruinen des World Trade Center die
amerikanische Flagge gehisst hätten, "wusste ich, dass der amerikanische
Gemeinsinn ungebrochen war".
Giuliani, der als Krisenmanager der Stadt wieder Zuversicht gab, hat in jener
Zeit immer wieder an das letzte Gespräch mit seinem krebskranken Vater
denken müssen, erzählt er in Reader's Digest. Der hatte ihm geraten: "Mut
bedeutet zu tun, was getan werden muss, auch wenn man Angst hat."
Dieses Leitmotiv, so erzählt Giuliani, habe ihm nicht nur geholfen, die
Ereignisse vom 11. September zu verarbeiten, sondern auch mit der
Tatsache umzugehen, dass er selbst an Krebs erkrankt sei. "Wer Krebs hat,
setzt sich intensiver mit Leben und Tod auseinander", sagt er und ergänzt:
"Meine Krankheit und der 11. September haben mich verändert."
Dass er den Anschlag auf das World Trade Center unverletzt überstanden
hat, wertet Giuliani deshalb auch als einen Beleg für die Richtigkeit seines
Glaubens. "Gott hat einen Plan für unser Leben, selbst wenn dieser für uns
nicht immer nachvollziehbar ist." Jeder habe die Wahl, sich entsprechend zu
verhalten. "Ich versuche, mein Leben so vielen guten Dingen zu widmen wie
möglich." Deshalb habe er auch die Twin-Towers-Stiftung ins Leben gerufen,
die sich um die Familien der toten Feuerwehrleute und Polizisten kümmert,
die beim Einsturz der Türme ums Leben kamen. Giuliani bleibt auch an diesem
Punkt seiner Linie treu und orientiert sich am heiligen Franz von Assisi, den er bereits zu Kindergartenzeiten verehrt habe - "wegen seiner Güte und
Menschlichkeit."
Kontakt:
Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH, Öffentlichkeitsarbeit,
Augustenstr. 1, D-70178 Stuttgart, Tel. +49 (0)711 / 6602-521,
Fax +49 (0)711 / 6602-160
E-Mail: presse@readersdigest.de

