Stuttgart, 24. Februar. Die Kirchen haben ihre prägende Kraft in Deutschland verloren, der Glaube ist zunehmend eine Sache des Einzelnen: 61 Prozent der Deutschen sagen, Kirchen oder religiöse Gemeinschaften können nicht über Glaubensinhalte entscheiden. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag von Reader's Digest Deutschland ergeben. Diese Meinung teilen jeweils absolute Mehrheiten aller befragten Gruppen – Gläubige wie Nichtgläubige, Menschen im Osten und Westen, Männer und Frauen genauso wie Protestanten und Katholiken.

 

„Das ist revolutionär angesichts des Gebarens der Kirchen, vor allem der katholischen,“ sagt Professor Klaus-Peter Jörns, ehemals Leiter des Lehrstuhls für praktische Theologie an der Berliner Humboldt-Universität, und fügt hinzu: „Die Kirchen haben die Gläubigen lange Zeit als unmündig in Glaubensfragen, ja, als ihr Eigentum behandelt.“ Die Kirchen drohen ins gesellschaftliche Abseits zu geraten, meint der Experte: „Die Umfrage spricht an diesem Punkt eine deutlich warnende Sprache.“

 

Die Ergebnisse der Umfrage, zu der Emnid 1000 Frauen und Männer ab 14 Jahren befragte, sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. So wird deutlich, dass Deutschland religiös ein gespaltenes Land ist. Insgesamt glauben 65 Prozent der Deutschen an einen Gott, 33 Prozent nicht. Aber: 77 Prozent der Ostdeutschen sagen: Nein, es gibt keinen Gott. Dasselbe behaupten in den alten Bundesländern nur 22 Prozent. „Die DDR hat ihre Bürger gelehrt, die Kirchen als Teil der alten Obrigkeit zu sehen, von der man sich befreien muss“, erklärt der evangelische Theologe Jörns die große Differenz.

 

Reader’s Digest Deutschland stellt in seiner März-Ausgabe Details der Umfrage vor. So gehen zwar viele Weltreligionen von einem Leben nach dem Tod aus. In Deutschland glauben daran aber nur 58 Prozent der Menschen. Auch der Glaube an einen Gott schließt nicht zwangsläufig die Hoffnung auf ein ewiges Leben mit ein, denn selbst von den Gläubigen erwarten nur 65 Prozent ein Leben nach dem Tod. Für 35 Prozent der Deutschen hört der Mensch nach dem Tod ganz einfach auf zu existieren. Immerhin 10 Prozent erwarten aber eine irdische Wiedergeburt.

 

Wer an Gott glaubt, glaubt nicht mehr unbedingt an eine einzelne Gestalt. Für 83 Prozent der Gläubigen ist Gott vielmehr überall in der Natur gegenwärtig, 75 Prozent sehen in ihm ein Wesen, das sie erschaffen hat, und 70 Prozent bezeichnen Gott zusätzlich als eine allgegenwärtige Kraft in ihrem Leben. Grundsätzlich aber schätzt die überwältigende Mehrheit ihren Glauben als positives Element, das ihnen ein Gefühl von Schutz gibt (45%), ihrem Leben Sinn verleiht (39%) oder es interessanter macht (8%). Nur 1 Prozent der Befragten sagt, der Glaube mache ihr Leben beängstigender.

 

Wer glaubt an Gott? 69 Prozent der Frauen sind von der Existenz Gottes überzeugt, aber nur 60 Prozent der Männer. Professor Jörns hat eine Erklärung für diesen Unterschied: „Frauen sind dichter dran am Leben, besonders im Hinblick auf die Geburt von Kindern. Da Gott als Schöpfer mit dem Leben ebenso unmittelbar zu tun hat, sind sich Frauen und Gott hier näher.“ Interessant sind auch folgende Ergebnisse: Mit dem Alter und der Lebenserfahrung wird in Deutschland auch der Glauben größer. So fand Emnid im Auftrag von Reader’s Digest Deutschland heraus, dass 71 Prozent der 50- bis 59-Jährigen, aber 77 Prozent der über 60-Jährigen an Gott glauben. Und: Verheiratete (70%) sowie Verwitwete (77%) glauben eher als Ledige und Geschiedene (jeweils 53%) an die Existenz Gottes.

 

Glaube ist jedoch nicht allein an Gott gebunden. 28% der Bevölkerung in Deutschland sind von der Existenz anderer überirdischer Wesen oder Mächte überzeugt. Hauptsächlich wird im persönlichen Leben das Übersinnliche mit positiven Begriffen wie Natur, Kraft, Trost, Schutz oder Geborgenheit (jeweils rund 80%) verbunden. „Religion bedeutet für die Menschen vor allem, mit transzendenter Hilfe ein Leben zu suchen, das gut genannt werden kann“, meint Professor Jörns dazu.

 

Was glaubt Europa?

Obwohl in vielen Ländern immer weniger Menschen in die Kirche gehen, glauben sieben von zehn Europäern an Gott. Dies ergab eine repräsentative Umfrage bei über 8000 Europäern in 14 Ländern, die ebenfalls in der März-Ausgabe von Reader’s Digest Deutschland veröffentlicht wird.

 

Weit vorne in der Rangliste der Gottesgläubigen steht überraschend Russland, wo knapp 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 87 Prozent der Bevölkerung erklären, dass sie an Gott glauben. Nur die katholischen Hochburgen Polen und Portugal erzielen mit 97 respektive 90 Prozent höhere Werte. Am wenigsten gottesgläubig sind die Belgier (58%), die Niederländer (51%) und die Tschechen (37%). Der europäische Durchschnitt liegt bei 71 Prozent.

 

Reader's Digest wollte von den Europäern auch wissen, ob es eine Religion braucht, um zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Während in Deutschland nur 37 Prozent diese Frage mit Ja beantworten, sind es im europäischen Schnitt 43 Prozent. Hingegen betrachten 53 Prozent der Europäer Religionsgemeinschaften als generell positive Kraft; in Deutschland sind es 52 Prozent.

 

Für weitere Informationen zu diesem Thema aus Reader’s Digest Deutschland stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Die März-Ausgabe von Reader’s Digest Deutschland ist ab dem 28. Februar 2005 an zentralen Kiosken erhältlich.

 

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