Stuttgart, 23. Juni 2003. Wer lässt Handtücher im Hotel mitgehen, wer nimmt
Büromaterial für private Zwecke mit, wer verschweigt dem Finanzamt einen
Teil seiner Einkünfte? Das Magazin Reader's Digest hat europaweit das
Unrechtsbewusstsein der Menschen getestet. Ergebnis der Umfrage: Die
Nationen halten es ganz unterschiedlich mit der Moral. So räumten 71
Prozent der Deutschen ein, sie würden am Abend auf der Autobahn 20
Stundenkilometer schneller als erlaubt fahren, um zügiger nach Hause zu
kommen. Und 38 Prozent gaben zu, sie würden im strömenden Regen an der Bushaltestelle vordrängeln, um noch einen Platz im Bus zu ergattern.

In seiner Juli-Ausgabe veröffentlicht das Magazin die Einzelheiten der
Umfrage, für die in 19 europäischen Ländern zusammen rund 4100 Menschen über 18 Jahre befragt worden waren. Die Ergebnisse aus den zwölf Fragen
lassen aufhorchen. So würden 58 Prozent der Deutschen die zehn Euro
Wechselgeld an die Supermarkt-Kasse zurückbringen, die ihnen die
Kassiererin nach dem Bezahlen zu viel herausgegeben hat. Europaweit
würden das sogar 67 Prozent tun. Ganz anders sieht es mit der Ehrlichkeit
aus, wenn es um das Thema Finanzamt geht. 55 Prozent der Deutschen
wären dazu bereit, dem Finanzamt Einkünfte zu verschweigen, um auf diese
Weise selbst Steuern zu sparen. Im EU-Schnitt liegt dieser Wert bei 39
Prozent. Die Begründung ist indes oft ganz identisch und zielt gegen die
Behörden oder die Politik: "Das Ausmaß der politischen Korruption ekelt mich
an. Ich würde Einkünfte verschweigen, wenn ich anderen Bürgern nicht
schade", meinte zum Beispiel eine Französin.

Kein Zweifel: Sobald es dem eigenen Vorteil dient und der Betrug aus
Bequemlichkeit geschieht, lässt die Ehrlichkeit in Europa nach. So räumte fast jeder zweite befragte Deutsche (nämlich 48 Prozent) ein, er würde
schwarzfahren, wenn ihm die Zeit zum Lösen eines Tickets fehlt. In Russland
sind es gar 80 Prozent. Auf die Frage, ob sie Briefumschläge und
Kugelschreiber aus der Firma für den Hausgebrauch mitnehmen würden,
antworteten 41 Prozent der Deutschen mit Ja. 60 Prozent wären gar bereit,
die Raubkopie eines ansonsten sehr teuren Software-Programms auf dem
eigenen Computer zu installieren. Indes, die Deutschen liegen damit eher
noch an der unteren EU-Skala. In Portugal (75), der Slowakei (74) und in den Niederlanden (73) ist der Wille zum Betrug mit illegaler Software noch
deutlich größer.

An anderer Stelle regiert hingegen die Vernunft. Während hier zu Lande nur
21 Prozent bereit wären, aus Zeit- und Platznot einen Behindertenparkplatz
vor einem Supermarkt zu belegen, würden dies in der Slowakei (45),
Russland (40) und England (36) deutlich mehr Menschen tun. Ein anderes
Beispiel: Nur zwölf Prozent der Deutschen (Europa-Schnitt: 14) würden sich
nach einer Party betrunken ans Steuer ihres Autos setzen, um selbst nach
Hause zu fahren. Zum Vergleich: In Österreich sind es 26 Prozent, was
übrigens der unrühmliche europäische Spitzenplatz bei diesem Thema ist.
Und immerhin 63 Prozent der Deutschen würden den Geldbeutel, den sie mit
50 Euro Inhalt auf der Straße finden, bei der Polizei abgeben. Während
Schweizer (76) und Schweden (71) noch ehrlicher sind, gibt es bei dieser
Frage auch das krasse Gegenbeispiel: Nur 13 Prozent der Polen geben die
Geldbörse wieder her.

Und wie steht es nun um die Moral, wenn es um jene Handtücher im Hotel
geht? Jeder fünfte Deutsche (20 Prozent) würde sie mitnehmen, im
europäischen Schnitt sind es noch weniger (16 Prozent). Ein junger Tscheche
begründete die Zurückhaltung so: "Oft ist das Hotel-Logo drauf. Solche
Handtücher könnte ich zuhause nicht benutzen. Jeder wüsste, dass sie
geklaut sind." Allgemeines Fazit der Umfrage: Je jünger die Befragten sind,
desto mehr bleibt die Ehrlichkeit auf der Strecke. Oder wie es eine 19-Jährige
in Stuttgart sagte: "Moral ist doch etwas für Ältere."

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