Büromaterial für private Zwecke mit, wer verschweigt dem Finanzamt einen
Teil seiner Einkünfte? Das Magazin Reader's Digest hat europaweit das
Unrechtsbewusstsein der Menschen getestet. Ergebnis der Umfrage: Die
Nationen halten es ganz unterschiedlich mit der Moral. So räumten 74
Prozent der Österreicher ein, sie würden am Abend auf der Autobahn 20
Stundenkilometer schneller als erlaubt fahren, um auf diese Weise zügiger
nach Hause zu kommen. Und annähernd jeder zweite Österreicher - nämlich
45 Prozent - gab zu, er würde im strömenden Regen an der Bushaltestelle
vordrängeln, um noch einen Platz im Bus zu ergattern.
In seiner Juli-Ausgabe veröffentlicht das Magazin die Einzelheiten der
Umfrage, für die in 19 europäischen Ländern zusammen rund 4100 Menschen über 18 Jahre befragt worden waren. Die Ergebnisse aus den zwölf Fragen
lassen aufhorchen. So würden 61 Prozent der Österreicher die zehn Euro
Wechselgeld an die Supermarkt-Kasse zurückbringen, die ihnen die
Kassiererin nach dem Bezahlen zu viel herausgegeben hat. Im Nachbarland
Deutschland täten dies nur 58 Prozent, im europäischen Schnitt würden es
67 Prozent tun. Ganz anders sieht es mit der Ehrlichkeit aus, wenn es um
das Thema Finanzamt geht. 64 Prozent der Österreicher wären dazu bereit,
dem Finanzamt Einkünfte zu verschweigen, um auf diese Weise selbst
Steuern zu sparen. Im EU-Schnitt liegt dieser Wert nur bei 39 Prozent. Die
Begründung ist indes oft ganz identisch und zielt gegen die Politik oder die
Behörden: "Wenn uns das Finanzamt betrügt, dann kann ich auch das
Finanzamt betrügen", meinte zum Beispiel eine Deutsche.
Kein Zweifel: Sobald es dem eigenen Vorteil dient und der Betrug aus
Bequemlichkeit geschieht, lässt die Ehrlichkeit in Europa nach. So räumten 58 Prozent der befragten Österreicher ein, sie würden schwarzfahren, wenn die
Zeit zum Lösen eines Tickets fehlt. In Russland sind es gar 80 Prozent, in
Tschechien immer noch 71 Prozent. Auf die Frage, ob sie Briefumschläge und
Kugelschreiber aus der Firma für den Hausgebrauch mitnehmen würden,
antworteten 48 Prozent der Österreicher mit Ja. 70 Prozent wären gar bereit,
die Raubkopie eines ansonsten sehr teuren Software-Programms auf dem
eigenen Computer zu installieren. Die Österreicher liegen damit in der
unrühmlichen Spitzengruppe der EU-Skala. Der Wille zum Betrug mit illegaler
Software ist nur noch in Portugal (75), der Slowakei (74) und in den
Niederlanden (73) größer.
An anderer Stelle regiert hingegen die Vernunft. Während in Österreich nur
21 Prozent bereit wären, aus Zeit- und Platznot einen Behindertenparkplatz
vor einem Supermarkt zu belegen, würden dies in der Slowakei (45),
Russland (40) und England (36) deutlich mehr Menschen tun. Und immerhin 60
Prozent der Österreicher würden den Geldbeutel, den sie mit 50 Euro
Inhalt auf der Straße finden, bei der Polizei abgeben. Während Schweizer
(76) und Schweden (71) noch ehrlicher sind, gibt es bei dieser Frage auch
das krasse Gegenbeispiel: Nur 13 Prozent der Polen geben die Geldbörse
wieder her. Dafür lässt die Moral in Österreich an anderer Stelle zu wünschen
übrig: 26 Prozent der Befragten würden sich trotz erheblichen
Alkoholkonsums nach einer Party noch ans Steuer ihres Autos setzen und
selbst nach Hause fahren. Das ist der unrühmliche Spitzenplatz unter den
EU-Ländern. Zum Vergleich: In Dänemark, Finnland und Norwegen würden
dies nur vier Prozent machen. Im europäischen Schnitt liegt der Wert bei 14
Prozent.
Und wie steht es nun um die Moral, wenn es um jene Handtücher im Hotel
geht? Gut jeder fünfte Österreicher (22 Prozent) würde sie mitnehmen, im
europäischen Schnitt sind es noch weniger (16 Prozent). Ein junger Tscheche
begründete die Zurückhaltung so: "Oft ist das Hotel-Logo drauf. Solche
Handtücher könnte ich zuhause nicht benutzen. Jeder wüsste, dass sie
geklaut sind." Allgemeines Fazit der Umfrage: Je jünger die Befragten sind,
desto mehr bleibt die Ehrlichkeit auf der Strecke. Oder wie es eine 19-Jährige
in Stuttgart sagte: "Moral ist doch etwas für Ältere."
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