Stuttgart, im Juli 2002. Bundesaußenminister Joschka Fischer will, dass
Deutschland auf der internationalen Bühne ein verlässlicher, aber
bescheidener Partner bleibt. Die Maßgabe sei: "Mehr sein als scheinen", sagt
der Minister in einem Interview mit dem Magazin Reader's Digest (August-
Ausgabe). Eine "klug eingesetzte Selbstbeschränkung" führe zu Spielräumen, "die im Interesse unseres Landes liegen". Überheblichkeit hingegen ziele in
die falsche Richtung: "Wenn wir meinen, wir könnten uns mit
Schlussstrichmentalität auf das Eis der Geschichte begeben, dann würden wir
feststellen, wie dünn dieses Eis ist. Und wie schnell wir einbrechen", so
Fischers Warnung.

 

Fischer sieht Deutschland - auch trotz zunehmender Auslandseinsätze der
Bundeswehr - keinesfalls als Weltmacht. "Wir sind eine europäische
Mittelmacht. Die Kategorie der nationalen Machtgröße trifft nicht die Realität
Europas." Der Außenminister fordert vielmehr, dass die Ausgestaltung
Europas vorangetrieben wird und die Vereinten Nationen gestärkt werden:
"Wir brauchen einen reformierten Sicherheitsrat", so der Politiker, das jetzige
Gremium spiegele "noch heute die Situation nach dem zweiten Weltkrieg
wider". Die Frage nach einem ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat für
Deutschland stelle sich aber derzeit nicht: "Das ist kein aktuelles Thema."

 

Der gebürtige Baden-Württemberger, Jahrgang 1948, erinnert in dem
Interview zugleich daran, dass sich die Weltlage in den vier Jahren seit
seinem Amtsantritt dramatisch verändert habe. "Die Spielräume sind größer
geworden für das vereinigte Deutschland, aber die Verantwortung auch. Die
Erwartungen an uns sind auch gewachsen. Nur, wir müssen diese
Spielräume immer als Europäer nutzen und nicht für nationale
Interessenpolitik." Die rot-grüne Bundesregierung habe deshalb auch "nicht
die Absicht, die deutsche Rolle neu zu definieren." Fischer räumt ein, auch
wenn seine Wurzeln in der Friedensbewegung lägen, könne er als
Außenminister an politischen Realitäten nicht vorbeisehen: "Wir versuchen,
Konflikte friedlich zu lösen, bevor sie militärisch eskalieren. Aber manchmal ist
das Militär leider unverzichtbar."

 

Fischer macht sich in dem Interview für die Osterweiterung der EU stark, die
gerade im deutschen Interesse liege. Sie bedeute Frieden und Stabilität,
aber auch Arbeitsplätze. Er erinnerte an die Süderweiterung der Union, die
damals "auch ein richtiges Wachstumsprogramm für unsere Wirtschaft war".
Schließlich bedeute die Osterweiterung Europas Einheit. Fischer: "Wir können
nicht auf Dauer ein Europa des Nationalismus östlich unserer Grenzen haben
und ein Europa der Integration, dem wir angehören. Es würde Europa
schwächen. Und wir Deutschen würden dafür zahlen - politisch wie auch
ökonomisch."

 

Und wie bewertet sich der Langstreckenläufer selbst? Als eine seiner größten
Stärken nennt er im Gespräch mit Reader's Digest seine schnelle
Auffassungsgabe: "Das stand schon in meinem ersten Schulzeugnis." Er sei
auch nicht einfach nur ein Berufspolitiker, meint Fischer: "Ich bin mehr. Ich
gehöre zu der Spezies Politiker aus Leidenschaft." Und sein Verhältnis zu den Grünen? "Die Grünen sind meine Partei. Ich hatte nie Zweifel", sagt er. Er sei
zwar - "auch von innerparteilichen Gegnern" - als grüner Sozialdemokrat
oder sozialdemokratischer Grüner beschimpft worden. Aber: "Ich wusste nie,
warum das Schimpfwörter sein sollten. Ich bin bewusst in die Grünen
eingetreten, und dabei wird es bleiben." Gerade so ein harter Realist, wie er
einer geworden sei, "der fühlt sich in einer mehr idealistischen Partei sehr
gut aufgehoben".

 

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