Stuttgart, 21. April 2006. Markus Merk, Weltschiedsrichter der Jahre 2004 und 2005, wirkt auf dem grünen Rasen stets kontrolliert, ist in Wahrheit aber ein glühender Fußballfan. „Bei einem guten Spielzug fiebere ich richtig mit, trotzdem kann ich nach außen der ruhende Pol im ganzen Stadion sein“, verriet der 44-Jährige gegenüber Reader’s Digest. In dem Gespräch, das in der Mai-Ausgabe des Magazins zu lesen ist, gewährt der gebürtige Pfälzer, dessen Vater den Sohn einst kurz nach der Geburt erst als Mitglied beim 1. FC Kaiserslautern anmeldete und erst dann auf dem städtischen Meldeamt, zugleich ungewöhnliche Einblicke in sein Leben. Auf der einen Seite steht sein Beruf als Schiedsrichter, auf der anderen Seite sein Engagement für Kinder in Indien. Dieser humanitäre Einsatz sorgt bei Merk für die notwendige Ruhe im Fußballspiel: „Meine Tätigkeit in Indien hat mir eine unheimliche Gelassenheit gegeben.“

 

Gut 300 Bundesligaspiele hat Merk schon gepfiffen, dazu viele internationale Begegnungen, darunter das Finale der EM 2004 in Portugal. Und obwohl er längst einer der erfahrendsten Schiedsrichter weltweit ist, pflegt er vor dem Anpfiff stets dieselben Rituale. Er schreitet bei der Platzbesichtigung immer gegen den Uhrzeigersinn ums Spielfeld und rasiert sich nie an Spieltagen. Aber der Fußball ist für Merk längst nur eines von zwei Standbeinen. Vor einem Jahr gab der gelernte Zahnarzt seinen Beruf auf und ist seitdem ein gefragter Vortragsgast für Themen wie „Sicher entscheiden unter Druck“. Sein Credo: „Sie lernen aus nichts besser als aus der eigenen Fehlentscheidung.“ Merk selbst hat für sich daraus eine Lebensmaxime abgeleitet: „Den Fehler analysieren, das Ergebnis umsetzen und den Fall damit abhaken.“

 

Merk, der mit seiner Familie in Otterbach bei Kaiserslautern lebt, ist nicht nur in den Chefetagen ein viel gefragter Gast, seine zweite Heimat ist längst Indien geworden. Erstmals war er dort Anfang der 90-er Jahre und behandelte die Zahnschmerzen von Kindern. Seitdem reist er regelmäßig dorthin. Sein Verein „Indienhilfe Kaiserslautern“ hat inzwischen fünf Waisenhäuser, drei Schulen und ein Altenheim gebaut. Merk selbst nennt sich einen „praktizierenden Christen“, der sich schon zu seiner Zeit als Messdiener für die Menschen in der Dritten Welt interessiert habe.

 

Der Spagat zwischen indischen Waisen und internationalen Fußballgrößen wie Beckham oder Ballack löst bei Merk deshalb immer wieder gemischte Gefühle aus. In dem Gespräch mit Reader’s Digest berichtet er von einem Vorfall, da er sich nach einem längeren Indien-Aufenthalt auf dem Fußballplatz in Deutschland völlig deplaziert vorkam: „Da stand ich an der Mittellinie und dachte: Mein Gott, da streiten sich die Jungmillionäre um einen Einwurf, und ich lasse das zu.“

 

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