Stuttgart, im Februar 2003. Die Bibel als Öko-Handbuch? Das "Jahr der Bibel"
hat gerade begonnen, da meldet sich der renommierte Wissenschaftler Aloys
Paul Hüttermann mit ebenso gewagten wie spannenden Thesen zu Wort:
"Das Alte Testament ist eine detaillierte Anweisung für nachhaltiges
Wirtschaften", behauptet er in der deutschen Ausgabe des Monatsmagazins
Reader's Digest (März-Ausgabe). Die Kernaussage des Göttinger Biologen:
"Die Juden müssen bereits vor über 2000 Jahren ein profundes Wissen über
Ökologie und natürliche Zusammenhänge gehabt haben."
Konservative Theologen hören so etwas nicht gern. Der Grund: In seinem
Buch "Im Anfang war die Ökologie" behauptet Hüttermann: "Man kann die
Bibel lesen, ohne akzeptieren zu müssen, dass es einen Gott gibt." Nun
dürfte er mit seinen Öko-Thesen wiederum heftige Reaktionen auslösen. Der
Professor für Forstbotanik und Technische Mykologie - selbst gläubiger Christ
- sieht in den Büchern Mose nicht nur die ansonsten proklamierten
Grundregeln zwischen Gott und den Gläubigen. Er vermutet dahinter vielmehr
ein Zeugnis, wie die Juden einst ihr Leben meistern konnten: Nur weil sie
bestimmte Gebote und Verbote respektiert hätten, sei es ihnen gelungen,
"auf sehr begrenztem Raum in karger Landschaft über Jahrhunderte hinweg
im Einklang mit der Natur zu leben."
In Reader's Digest belegt er seine Behauptung anhand von Beispielen. Im
dritten Buch Mose werde zwar erlaubt, dass alle Tiere gegessen werden
dürfen, "nicht aber das Kamel, das Wildschwein". Hüttermanns These:
Kamele seien als Transporttiere wichtig gewesen und Schweine hätten den
Menschen durch ähnliche Nahrungsansprüche das Essen streitig gemacht.
"Rinder dagegen machen Nahrung nutzbar, die dem Menschen verschlossen
bleibt", so der Professor.
Eine andere Passage im dritten Buch Mose ("Von allen Tieren, die im Wasser
leben, dürft ihr essen … Aber alles was in Flüssen lebt und keine Flossen
oder Schuppen hat, sei euch abscheulich") fasst der Biologe auf seine Weise
zusammen: Du sollst kein Wassergetier essen, dass dir Schädlinge vom Leib
hält. Gemeint seien damit vor allem Insekten fressende Amphibien, also
Frösche, glaubt Hüttermann. Seine Begründung: Als man in den 70er Jahren
des 20. Jahrhunderts den Froschschenkel als Delikatesse entdeckte, wurde
in Bangladesh die Jagd auf das Tier ausgeweitet. Daraufhin breitete sich im
Land die Malaria aus - selbst in Gebieten, in denen diese Krankheit früher
nicht aufgetreten war. Die Schlussfolgerung: Mit den Fröschen hatte
Bangladesh seinen billigen und effektiven Malariaschutz verkauft.
Besonders fasziniert hat den Bibelforscher, dass das Volk Israel bereits über
mikrobiologisches Wissen verfügt haben muss. Als Beweis führt Hüttermann
die Reinheitsgesetze an. Im dritten Buch Mose findet sich die Warnung vor
totem Kleingetier wie Mäusen oder Ratten. ("Jeder Gegenstand, auf den
eines dieser Tiere fällt, wenn sie tot sind, wird unrein. Jedes Tongefäß, in das
ein solches Tier fällt, müsst ihr zerbrechen. Jede Speise, die man essen will,
wird unrein, wenn Wasser aus einem solchen Gefäß darauf kommt.") Die
Juden wussten also offensichtlich, dass Aas auch mittelbar eine tödliche
Gefahr für Leib und Leben darstellt. Denn die giftigen Bakterien, die sich auf
Aas sehr schnell bilden, können den Ton verseuchen.
Für Hüttermann haben die ökologischen Gebote der Bibel nichts mit göttlicher Offenbarung zu tun. "Dahinter muss Jahrhunderte lange Beobachtung und
Erforschung der Natur stecken, die von Generation zu Generation überliefert
und schließlich aufgeschrieben wurde", meint er.
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