Stuttgart, im September 2002. Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter hat sich für
mehr Musikunterricht an den Schulen ausgesprochen, um den Trend zur
"Häppchenkultur" und zu populärer Massenware zu bremsen: "Die Wurzel
allen Übels liegt darin, dass Musikerziehung in den Schulen fast keine Rolle
mehr spielt, besonders nicht in den Grundschulen", sagt die 39-Jährige in
einem Interview mit dem Magazin Reader's Digest (Oktober-Ausgabe). Vor
allem die Phase bis zu einem Alter von sieben Jahren sei jedoch
entscheidend für die musikalische Bewusstseinsbildung: "Wenn man bis
dahin nicht den Fuß in der Tür hat, mit Gehörbildung und einem breit
gefächerten Angebot, aus dem das Kind selber wählen kann, dann ist es fast
unmöglich, später ein ausreichendes musikalisches Verständnis aufzubauen."
Die Gründe für das wachsende Desinteresse an klassischer Musikerziehung
sieht Mutter in den Autoren der Schulmusikpläne: "Schon die Erzieher meiner
Generation sind zu ihrer eigenen Schulzeit mit der Notenschrift nicht
klargekommen." Deshalb gebe es immer weniger Menschen, die zum Beispiel Kinderlieder aus dem Gesangsbuch singen könnten: "Wir zahlen jetzt die
Rechnung für eine Schlamperei, die vor 20, 30 Jahren schleichend begonnen
hat." Mutter, die mit fünf Jahren ihren ersten Klavierunterricht erhielt, dann
aber schnell auf die Geige wechselte und 1970 mit sechs Jahren beim
Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" den "Ersten Preis mit besonderer
Auszeichnung" erhielt, erinnert in dem Gespräch mit Reader's Digest an die
Bedeutung der Musik für Kinder. "Das ist nicht nur ein Fenster zum
akustischen Vergnügen." Kinder würden durch Musik auch lernen, einander
zuzuhören, sich einzuordnen, aber auch eine Gruppe anzuführen. Obendrein
sorge das gemeinsame Singen ausländischer Lieder für eine Begegnung
fremder Kulturen.
Die weltbekannte Geigerin, die mit 14 Jahren von Dirigent Herbert von
Karajan nach einem Vorspiel wieder zum Üben nach Hause geschickt wurde,
weil sie noch nicht reif genug sei für Beethovens Violinkonzert, die dann aber
1977 unter dem gleichen Dirigenten bei den Salzburger Festspielen ihren
internationalen Durchbruch erlebte, geht dabei mit gutem Beispiel voran. Ihre beiden Kinder - acht und elf Jahre alt - spielen mittlerweile Klavier. Den
Unterricht überlässt die in München lebende Mutter aber lieber anderen.
"Dafür hätte ich bestimmt nicht die Geduld. Das ist eine meiner großen
Schwächen." Ansonsten gilt Mutter, deren erster Mann 1995 starb und die im
August dieses Jahres den Pianisten, Komponisten und Dirigenten André
Previn geheiratet hat, eher als selbstbewusst und energisch. "In der Musik
bin ich sicher jemand, der gerne Grenzen sprengt. Der ausprobiert, wie weit
er gehen kann." Immer wieder hat Mutter dies bei der Zusammenarbeit mit
Komponisten und Dirigenten bewiesen. Die große Kunst des Miteinander-
Musizierens, so die Künstlerin, sei aber, "einer anderen Idee ein Stückchen
entgegenzugehen, ohne die eigene aufzugeben - und dies als Bereicherung
zu empfinden."
Kein Wunder, dass es Mutter als "körperlich schmerzhaft" empfindet, wenn
während eines Konzerts ein Zuschauer "an der schönsten, intimsten und
leisesten Stelle einen enormen Hustenreiz verspürt". Dennoch bleibt die
begeisterte Bergsteigerin auch in der spärlichen Freizeit der Musik treu. Sie
liebt den Jazz und verehrt dabei besonders die Musik von Ella Fitzgerald und
Billie Holiday. Nebenbei träumt sie dann von einem Abendessen und einer
Unterhaltung mit Ludwig van Beethoven. "Ich würde gerne wissen, wer diese
Frau war, die ihn zu einem großen Romantiker hat werden lassen." Aber
Mutter hätte noch einen zweiten Wunsch, wenn es zur Begegnung kommen
könnte: "Ich würde ihn bitten, dass er ein zweites Violinkonzert schreibt." Für
wen? Natürlich für Anne-Sophie Mutter.
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