Stuttgart, Januar 2002. "Ich habe als Junge nie daran gedacht, dass ich mal
Politiker werden würde", sagt Edmund Stoiber heute und schickt sich
gleichwohl an, als Kanzlerkandidat der Union nach der Krone zu greifen -
durchaus in einer Linie mit Franz Josef Strauß. "Er war mein Mentor und
Ziehvater. Ich gehe an viele Themen so ran wie er und habe bei ihm gelernt,
Dinge anzupacken, nicht lange liegen zu lassen", so Stoiber in einem
Interview mit dem Magazin Readers's Digest (Februarausgabe). In dem
Gespräch gewährt der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende
ungewöhnliche Einblicke in sein Privatleben. So wollte der 60-Jährige aus
Oberaudorf (Kreis Rosenheim) erst Sportreporter, dann Pilot, schließlich
Professor für Strafrecht werden. Und doch fand er den Weg in die Politik:
"Der Grundstein dazu wurde in den Studentenunruhen der 68er-Zeit gelegt."

 

Stoiber macht in dem Interview deutlich, welche große Rolle sein Elternhaus
in seiner Jugend gespielt hat. "Ich bin nach den zehn Geboten erzogen
worden." Vor allem seine Mutter, eine gebürtige Rheinländerin, war "eine
sehr entscheidende Persönlichkeit in meinem Leben. Ich hing ungeheuer an
ihr." Sie hat ihm strenge Wertmaßstäbe vorgegeben: "Ordentlich durchs
Leben gehen, niemanden übers Ohr hauen, unnötigem Streit aus dem Weg
gehen, mit anderen zurechtkommen." Diese Erfahrungen habe er bei der
Erziehung seiner drei Kinder versucht umzusetzen - auch wenn sich die
gemeinsame Zeit mit der Familie oft auf das tägliche Frühstück oder die
Wochenenden beschränkte. "Ich habe mich immer um die Sorgen meiner
Kinder gekümmert. Das war für mich eine Grundentscheidung. Deswegen bin
ich nicht nach Bonn gegangen. Es gab damals mehrfach Möglichkeiten, in
die Bundesregierung einzutreten."

 

Familie ist für den CSU-Chef bis heute einer der wichtigsten Begriffe im
täglichen Leben geblieben. Bei seiner Familie tankt er auf. "Meine Frau hält
mir den Rücken frei, und wir reden viel miteinander. Das ist geistige Erholung
für mich", sagt Stoiber über seine Frau Karin, deren Schweinsbraten sein
Lieblingsgericht ist. Obendrein ist der promovierte Jurist, der in München
Rechtswissenschaft und Politologie studiert hat, ein leidenschaftlicher
Radfahrer und begeisterter Anhänger des FC Bayern München. "Beim Besuch
von Sportveranstaltungen kann ich mich sehr gut regenerieren." Übrigens,
Chancen auf die Meisterschaft räumt er seinen Bayern in dieser Saison kaum
noch ein: "Diesmal wird es ganz, ganz knapp." Leverkusen habe leichte
Vorteile. Und sofern es der volle Terminkalender zulässt, widmet er sich den
Enkelkindern. An den ersten Überraschungsbesuch des zweijährigen
Johannes in der Staatskanzlei in München erinnert sich Stoiber noch: "Er
steht in der Tür, geht zwei Schritte, hat den Opa gesehen, aber es war ihm
nicht geheuer. Dann ist er leicht weinend sofort wieder zurück. Es bedurfte
einer gewissen Überredungskunst, ihn näher heranzubringen."

 

Dass Stoiber entgegen seiner Pläne doch in der Politik gelandet ist, dürfte
nicht gar so zufällig gelaufen sein, wie er es beschreibt, denn Ehrgeiz oder
zumindest Zielstrebigkeit ist ihm gewiss nicht fremd. Nach dem Studium
wurde er für das neue Umweltministerium in Bayern angeworben. "Ich habe
als Redenschreiber angefangen." Wenig später folgte der Schritt ins
Ministerbüro und 1974 der Sprung zum Landtagskandidaten. Da hatte
Stoiber längst den ersten Kontakt mit Franz Josef Strauß gehabt - bei einem
Termin in dessen Bundestagswahlkreis: "Das waren Gottesdienste", erinnert
sich der heutige Unions-Kanzlerkandidat: "Da bin ich ihm aufgefallen, weil ich
Fragen gestellt, ihn korrigiert habe." Die Folge: Strauß behielt Stoiber im
Kopf, holte ihn 1978 zu sich und machte ihn zum CSU-Generalsekretär. Eine
Zusammenarbeit, in der Stoiber auch seinen Politikstil der Polarisierung
gelernt hat: "Zur Politik gehört das Sachargument, aber auch das Plakative."
Um sich bei den Menschen verständlich zu machen, "müssen Sie auch
zuspitzen, auch mal vergröbern".

 

Von sich und seinen Mitarbeitern fordert der Bayer Leidenschaft: "Politik ist
nicht dazu da, um das zu tun, was am schönsten ist. Politik ist das Bohren
dicker Bretter". Dass er bei all dem Einsatz gelegentlich unpünktlich ist, wie
er zugibt ("Ich will halt manchmal zuviel am Tag machen"), ändert nichts an
seinem Ziel: "Du kannst die Menschen nur begeistern, wenn du dich auch
selbst begeistern kannst. Und ich kann mich selbst begeistern." Manche
glauben, dass der Bayer mit seiner Begeisterungsfähigkeit im kühlen Norden
scheitern könnte. Stoiber schreckt das nicht: "Die Menschen sind vielleicht
verschieden, aber politisch denken viele gleich. Klare Aussagen kommen
überall an."

 

Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir
Ihnen gerne zur Verfügung. Die Februarausgabe von Reader's Digest ist ab
dem 28. Januar 2002 an zentralen Kiosken erhältlich.

 

Kontakt:
Reader's Digest Deutschland: Verlag Das Beste GmbH, Öffentlichkeitsarbeit,
Augustenstr. 1, D-70178 Stuttgart, Tel. +49 (0)711 / 6602-521,
Fax +49 (0)711 / 6602-160
E-Mail: presse@readersdigest.de