Stuttgart, 30. Oktober 2003. Der Tod des Partners ist einer der
schmerzlichsten Einschnitte, die ein Mensch erleben kann. Wie aber soll man
auf den Verlust reagieren? Die einen verdrängen ihre Gefühle, andere
schotten sich völlig ab gegenüber der Außenwelt. "Trauer ist ein
schmerzhafter, aber heilsamer Weg", sagt Professor Verena Kast,
Trauerforscherin an der Universität Zürich gegenüber Reader's Digest. Das
Magazin gibt in seiner November-Ausgabe wichtige Ratschläge zum Thema
Trauer.


In Deutschland sind derzeit rund 6,2 Millionen Menschen verwitwet, in
Österreich sind es rund 600.000 Menschen. Die vielen unverheirateten
Hinterbliebenen erfasst jedoch keine Statistik. Jeder von ihnen geht mit der
neuen Lebenssituation anders um, die Probleme sind aber oft dieselben:
Viele Trauernde leiden unter Schlafstörungen, haben
Konzentrationsschwächen, klagen über Magen- und Kopfschmerzen, drohen
irgendwann depressiv zu werden. Aus Sicht von Verena Kast muss es nicht
soweit kommen. Ihre Botschaft: Trauer ist nicht das Problem, Trauer ist die
Lösung des Problems. Deshalb rät sie den Betroffenen, nicht den Kummer in
sich zu verschließen, sondern aktiv mit ihm umzugehen.


Dabei unterscheidet die Professorin vier Phasen der Trauer: Nach dem
Zustand des "nicht wahrhaben Wollens", in dem viele Betroffene zum Beispiel weiterhin für zwei Personen einkaufen, komme das "Chaos der Gefühle". In
dieser Phase, so Kast, in der der Tod als unabänderliche Tatsache feststeht,
erlebe der Hinterbliebene eine Achterbahn der Gefühle. Liebe und Hass,
Freude und Verzweiflung, Angst und Ratlosigkeit liegen dann dicht
beieinander. Erst in der dritten Phase ("Suchen, Finden, sich Trennen")
gelingt es dem Trauernden allmählich, alte Erinnerungen aus den
gemeinsamen Tagen aufzufrischen. Wer es also schafft, in alten Fotoalben zu
blättern oder die Musik zu hören, die der verstorbene Partner so gemocht
hat, ohne dabei am Schmerz oder der Angst vor dem Alleinsein zu
zerbrechen, der kommt in die vierte Phase ("Akzeptieren und neue
Weltsicht"). Dann gelinge es, den verstorbenen Partner nicht zu vergessen
und trotzdem bereit zu sein für neue Interessen und andere
Freizeitbeschäftigungen. Kast: "Dann haben wir losgelassen, um uns wieder
einzulassen."


Jeder Trauernde benötigt dafür unterschiedlich viel Zeit, aber auch ganz
verschiedenartige Hilfe. Sowohl Verena Kast als auch Chris Paul (Bonn) vom
TrauerInstitut Deutschland geben in Reader's Digest Empfehlungen, wie man
einen Hinterbliebenen auf diesem Weg unterstützen kann. Beide warnen
aber: Man sollte gute Ratschläge und Allgemeinplätze nach dem Motto "Das
wird schon wieder" unbedingt vermeiden. Auch der Appell "Ruf mich an, wenn
Du mich brauchst" geht in die falsche Richtung. Wer seinen Partner verloren
hat, fühlt sich nicht nur ohnmächtig, er ist oft auch hilflos. Deshalb gilt: Lieber den Betroffenen selbst öfters mal anrufen als auf seinen Anruf warten. Ganz
wichtig: Den Trauernden reden und weinen lassen oder mit ihm spazieren
gehen. So denkt er nicht nur an das, was er verloren hat, sondern auch mal
wieder an sich selbst. Dazu passt auch dieser Rat: Den Angehörigen oder
Freund zu einem guten Essen einladen. Denn wer genießen kann, ist wieder
bei sich.


Umgekehrt können sich Hinterbliebene auch selbst helfen, indem sie etwa
Vertrauten ihr Herz ausschütten. Die Experten raten: Bewegen Sie sich,
spüren Sie ihren Körper. Hinterbliebene sollten selbst aktiv Kontakt suchen,
zum Beispiel zu Gleichgesinnten, um nicht das sprichwörtliche "fünfte Rad am
Wagen" zu sein. Neue Kontakte stellen sich auch bei einem persönlichen
Engagement für einen wohltätigen Zweck ein.


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