Stuttgart, im April 2002. Jürgen Klinsmann, einer der erfolgreichsten und
populärsten deutschen Sportler, fordert eine grundlegende Reform der
Nachwuchsförderung im deutschen Fußball: "Wir brauchen eine
Wiederbelebung des Freizeit- und Bolzfußballs", schreibt der 37-Jährige in
einem Exklusiv-Beitrag für das Magazin Reader's Digest (April-Ausgabe). Nur
dann könne der deutsche Fußball den Weg zurück in die Weltspitze finden.
Außerdem gelänge es so gleichzeitig, die Kinder wieder zu mehr Bewegung
zu animieren. Klinsmann: "Bewegung steigert die Konzentration und
verbessert die Leistungsfähigkeit im Alltag."

 

Der Sohn einer Stuttgarter Bäckerfamilie, der einst beim VfB Stuttgart und FC
Bayern München sowie im Ausland für Inter Mailand und Tottenham Hotspurs
spielte, sieht hausgemachte Gründe für die Misserfolge der deutschen
Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren: "Wir müssen feststellen,
dass wir keine Kreativ-Fußballer mehr hervorbringen à la Beckenbauer,
Netzer, Häßler, Schuster oder Littbarski." Die immer wieder gehörte
Begründung, die neu formulierte Ausländer-Regel sorge erst dafür, dass viele Vereine mehr ausländische Spieler und damit weniger eigene
Nachwuchsakteure einsetzen, hält Klinsmann für eine Ausrede: "Die
Ursprünge für unseren Talentmangel liegen viel länger zurück." Vereine und
Verbände hätten sich zu Glanzzeiten des deutschen Fußballs nicht
ausreichend um die Ursachen dieser Entwicklung gekümmert.

 

Klinsmann, der bei der bevorstehenden Fußball-WM im Juni in Japan und
Südkorea für das ZDF als Co-Kommentator tätig sein wird, fordert deshalb
ein Umdenken nach dem Motto "zurück zu den Wurzeln". Niemand dürfe sich
wundern, dass "immer mehr Jugendliche unter Bewegungsarmut und
Gesundheitsproblemen leiden", wenn in den Parks vielerorts das Schild
"Rasen betreten verboten" stehe. Große Defizite sieht der ehemalige
Stürmer, der seine aktive Karriere nach der Weltmeisterschaft 1998
beendete, auch in den Schulen. Im Vergleich zu anderen Ländern spiele der
Sportunterricht hier zu Lande eine weniger bedeutende Rolle: "Und wenn im
Schulbereich gespart werden muss, ist nicht selten zuerst der Sport
betroffen."

 

Klinsmann fürchtet, der Fußball werde seine große soziale Rolle zunehmend
verlieren. In einer Welt von Fernsehen, Video und Internet müsse der Sport
versuchen, "die Jugendlichen in ihrer Erlebnis- und Sprachwelt zu erreichen".
Umso wichtiger sei es deshalb, das Vereinsheim als Treffpunkt nach dem
Training und Spiel wieder mit Leben zu erwecken. Zudem müsse der Verein
Vorreiter bei der Integration von ausländischen Jugendlichen sein. Im
Zusammenspiel würden die Jugendlichen obendrein ihre Aggressionen
abbauen.

 

Doch die Entwicklung, und das beklagt Klinsmann, laufe zunehmend weg vom kollektiven Erlebnis und hin zur individuellen Förderung. "Überehrgeizige
Trainer und Eltern brüllen auf den Nachwuchs ein, üben Druck auf ihn aus,
weil sie ihren eigenen Drang nach Anerkennung auf dem Rasen verwirklicht
sehen wollen." Er sieht hierin einen folgenschweren Trend: "Viele Jugendliche
kehren dem Verein den Rücken, weil sie keine Lust mehr haben, sich dem
Geschrei und der Devise ‚Sieg um jeden Preis' auszusetzen." In den USA
habe es im vergangenen Jahr einen so genannten "silent sunday" gegeben;
an diesem stillen Sonntag war Eltern und Trainern jeglicher Kommentar
untersagt. Klinsmann zeigt sich begeistert: "Noch nie hatten die Kinder so
viel Spaß."

 

Der frühere Stürmer-Star, der mittlerweile mit seiner Familie in Kalifornien
lebt, spricht sich in seinem Beitrag für Reader's Digest deshalb für mehr
Kreativität und Experimentierfreudigkeit in der Nachwuchsförderung aus, um
den kindlichen Instinkt zu wahren. Eine der Hauptgründe für die Talfahrt der
deutschen Talentförderung sei das Verschwinden des Straßenfußballs.
Während deutsche Kinder schon frühzeitig in organisierte Strukturen kämen,
würden die Kinder in anderen Ländern wie Brasilien und Argentinien von klein
auf die Straße als Fußballplatz nutzen und erst zu einem späteren Zeitpunkt
organisiert sein: "Deshalb haben sie ihre technischen und kreativen
Fähigkeiten bis dahin bereits auf der Straße oder dem Bolzplatz selbst
entwickeln können."

 

Früher sei auch in Deutschland stundenlang jeden Tag auf dem Bolzplatz, der Wiese, dem Hinterhof oder der Straße gespielt worden. Heute gebe es nur
noch einige wenige Trainigseinheiten im Verein. Niemand dürfe sich also
wundern, so Klinsmann, "dass die technische Qualität unseres Nachwuchses
nicht mehr auf allerhöchstem Niveau ist". Klinsmann hält Trainern und Eltern
vor, "den Kindern das Fußballspielen vorgeben und beibringen zu müssen".
Weiter schreibt er: "Das besitzergreifende Verhalten der Erwachsenen
unterdrückt den kindlichen Instinkt. Kreativität, Experimentierfreude oder
Persönlichkeit - all dies kann man niemandem beibringen; es muss sich von
alleine entwickeln."

 

Eine Reform der Nachwuchsförderung sei deshalb überfällig. Dafür müsse
Deutschland allerdings bereit sein, über die Grenzen hinweg zu schauen.
Bisher sei man jahrelang "mit der Arroganz aufgetreten, alles besser zu
wissen". Nun aber müsse man feststellen, dass Länder wie Frankreich "uns
den Rang abgelaufen haben" und immer mehr Talente von dort in die
europäischen Top-Ligen kommen. Klinsmanns Appell: "Offenheit und Neugier


würden uns hier sicherlich helfen." Fußball sei zwar nach wie vor der
Deutschen liebstes Kind. "Aber nur wenn wir gemeinsam eine neue
Entwicklung lostreten, werden wir diese Faszination erhalten."

 

Für nähere Informationen zu diesem Reader's Digest-Thema stehen wir
Ihnen gerne zur Verfügung. Die April-Ausgabe von Reader's Digest ist ab
dem 25. März an zentralen Kiosken erhältlich.

 


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